Ein mythisches abenteuer auf der Insel Chiloé

Ein abgeschiedener Archipel in Südchile, voller geheimnisvoller Geschichten von Fabelwesen und Geisterschiffen.

TEXT UND FOTOS VON MARCK GUTT

Genau dort, wo das chilenische Festland in tiefe Fjorde und majestätische Gletscher übergeht, befindet sich die grösste Insel des Landes – eine Welt für sich. Ohne eine Verbindung zum Festland liegt dieser isolierte Archipel 1.100 Kilometer südlich von Santiago und punktet mit einer einzigartigen Kultur und Natur, die nirgendwo sonst im Land zu finden sind.

Wie die meisten Besucher der Insel Chiloé bin auch ich auf der Suche nach Kirchen in Form von Booten und uralten Regenwäldern. Was ich stattdessen finde, ist etwas ganz anderes. Während ich einheimische Vögel beobachte und zu Wasserfällen wandere, folgen mir auf meinem Weg immer wieder Geschichten über ungewöhnliche Kreaturen. Wie ungewöhnlich? Nun, da wäre zum Beispiel der Camahueto, ein einhornähnlicher Stier mit grimmigem Gesicht und Appetit auf Menschen.

Sobald ich in Castro ankomme, dem Haupthafen und der grössten Stadt auf Chiloés Isla Grande, wird mir klar, dass diese Geschichten hier allgegenwärtig sind. Es braucht nur ein einziges Gespräch mit einem Chiloten, damit die Fabelwesen die Szene beherrschen. Legenden und Folklore sind hier mit der lokale Kultur verwoben. Es kann passieren, dass Sie einen Chiloten nach Orten fragen, an denen man lokale Köstlichkeiten wie Cochayuyo (essbare Algen) probieren kann, und Sie mehr Informationen über Schlangen mit Hahnenköpfen als über Restaurants erhalten.

Auf dem Weg zu den berühmten Pfahlbauten von Castro höre ich zum ersten Mal von der Caleuche, einem legendären Geisterschiff, das über den Archipel fährt und Seeleute anlockt. "Halten Sie sich unbedingt vom Ufer fern, besonders nach Sonnenuntergang", wird mir geraten.

Die Warnung ist durchaus ernst gemeint und liegt in überlieferten Geschichten und Traditionen begründet. Die Ahnen der Chilote gehörten ebenso zu den indigenen Völkern der Huilliche und Chono wie sie auch Nachkommen spanischer Einwanderer sind, die vor den chilenischen Unabhängigkeitsbewegungen flohen. Und die Chilote nehmen ihre Mythen sehr ernst.

Die Chiloten stammen von den indigenen Völkern der Huilliche und der Chono ab … Sie nehmen ihre Mythen sehr ernst.

Millalobo: halb Mensch, halb Seelöwe

Dank der ansässigen Hotels und weiterer Angebote für Besucher ist die Isla Grande das wichtigste Tourismuszentrum der Region. Die bunten Palafitos und traditionellen Märkte der Stadt sind zu Recht beliebte Attraktionen. Einen besseren Überblick über die Insel Chiloé erhält man jedoch, wenn man entlang der abgelegenen Buchten und Passagen segelt. Gerade auf den kleineren Inseln und in den weniger besuchten Orten finden Sie eine atemberaubende Landschaft und charmante lokale Gemeinschaften, die wirklich sehenswert sind.

Wir machen uns auf den Weg zur Isla Mechuque, einer von mehr als 30 Inseln, aus denen der Archipel besteht. Nordöstlich von Castro weicht die urbane Landschaft schwarzen Sandstränden, hohen Klippen und abgeschiedenen Fischerdörfchen. Ich gehe von Bord und wandere durch die farbenfrohen Strassen des Orts. Ich neige dazu mich zu verlaufen, aber glücklicherweise ist Mechuque dafür zu klein, und ich habe Zeit, im lokalen Museo Don Checo, das in einem alten Pfahlbau untergebracht ist, die Vergangenheit der Insel zu erkunden.

Zurück an Bord wird es Zeit, mein Fernglas und meine Kamera bereitzulegen. Unter normalen Umständen würde ich jetzt Ausschau nach Südamerikanischen Seebären und Schwarzhalsschwänen halten. Aber der Zauber von Chiloé hat mich in seinen Bann gezogen, und ich ertappe mich dabei, wie ich nach Geschöpfen der ganz anderen Art suche – zum Beispiel dem schrecklichen Cuchivilu, einem monströsen Fisch mit Schweinegesicht, oder dem Millalobo: halb Mensch, halb Seelöwe. Und als wir durch die kühlen Gewässer des Pazifiks fahren, hoffe ich insgeheim, dass die nächste Spezies, die ich finde, der bezaubernde Meermann sein wird, von dem mir der Kapitän erzählt hat.

Farbenfrohe Holzkirchen

Da ich nun die furchterregenden Unterwassermonster kenne, die die Gewässer des Archipels unsicher machen, beschliesse ich, mein Glück im Landesinneren zu versuchen. Zuerst besuche ich eine Reihe bemerkenswerter Kirchen, die wie Boote aussehen.

Die einheimischen Handwerker waren dem Meer treu und nutzten ihr Wissen, wie man langlebige Schiffe baut, auch für weitere Bauten. Und heute sind die umgedrehten Holzboote, die katholische Kirchen beherbergen, neben der gefürchteten Caleuche, dem Geisterschiff, ein fester Bestandteil der Kultur und Landschaft von Chiloé.

Mit neuem Vertrauen ausgestattet, ist es an der Zeit, nach grüneren Gebieten zu suchen, und ich weiss genau, wohin ich gehen möchte. Ein paar Tage zuvor hatte jemand mir von der Naturschutzarbeit von Elena Bochetti erzählt, einer lokalen Natur- und Waldschützerin.

Unter Ihren Fittichen wandere ich zu den Pfaden rund um den Lago Huillinco, dem grössten See von Chiloé. Inmitten von klaren Wasserfällen, fluoreszierenden Flechten und uralten Farnen durchstreifen wir die Wälder in der Hoffnung, einige der berühmten Wildtiere des Archipels zu entdecken.

Mehrere Stunden lang wandern wir durch den üppigen Regenwald und halten Ausschau nach Raufusskäuzen, Darwinfüchsen und Südpudus, einer der kleinsten Hirscharten der Welt.

Am Ende des Tages habe ich keines der Tier gesehen oder gehört – und damit bleiben sie fast ebenso geheimnisvolle Wesen wie all die anderen fantastischen Kreaturen, die es nur hier auf Chiloé gibt.

Erleben Sie die Lebendigkeit Südamerikas

Penguins perched on the ice of Cuverville Island, Antarctica. Credit: Espen Mills / HX Hurtigruten Expeditions

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